Wenn im Sommer plötzlich Weihnachten ist
Es ist ein warmer Spätsommertag mit dem schönsten Grillwetter. Du gehst noch kurz etwas Leckeres einkaufen, in T-Shirt und kurzer Hose. Tomaten, Zucchini für den Grill, Salat, eine Melone oder Eis zum Nachtisch. Du bist auf dem Weg zur Kasse, biegst um eine Ecke und läufst fast in einen Stapel – Lebkuchen und Weihnachtsplätzchen. Na toll…
Dass Lebkuchen so früh im Jahr in den Regalen liegen, ist natürlich reines Kalkül. So müssen die Supermarktbetreiber erstens einmal weniger umräumen – was natürlich Geld kostet, zweitens ist es einfach so: wer zuerst verkauft, verkauft mehr. Und Käufer gibt es.
Innerlich rollst Du mit den Augen und fragst Dich, wer um alles in der Welt sowas jetzt schon kauft. Und trotzdem: fast unwillkürlich hast Du wie aus dem Nichts diesen Geschmack auf der Zunge. Schokolade, Zimt. Das wohlige Gefühl von Kerzenschein, Kuschelsocken und Gemütlichkeit. Plötzlich bist Du nicht mehr im Spätsommer, sondern irgendwo zwischen Adventskalender und Geschenkpapier… 😉
Da reicht tatsächlich allein der Anblick. Unser Gehirn braucht dafür keinen echten Duft oder Geschmack.
💡 Was passiert im Gehirn, wenn wir Lebkuchen sehen?
Unser Auge nimmt Reize wie Zuckerguss, Schokolade, weihnachtliche Farben oder Schriftzüge wahr. Diese Bilder werden im Gehirn weitergeleitet und dort mit bekannten Erfahrungen abgeglichen.
Im „emotionalen Gedächtnis“ – also in dem Teil des Gehirns, der für Gefühle und Erinnerungen zuständig ist – wird überprüft: Kommt mir das bekannt vor? Und wenn ja, wie habe ich mich damals gefühlt?
Wenn der Lebkuchen zum Beispiel an Kindheit, Weihnachten, Kerzenlicht oder familiäre Geborgenheit erinnert, wird genau dieses Gefühl „hochgeholt“. Blitzschnell. Ach ja! Das kenne ich! Das war schön! Will ich wieder!
Und genau das ist der Punkt:
Wir haben gar keinen Appetit auf Lebkuchen – wir haben eine Erinnerung. Eine gute, vertraute. Und genau deshalb greift die Hand manchmal zur Packung, ohne dass wir es wirklich wollen. Nicht wegen des Inhalts. Sondern wegen des Gefühls, das wir damit verknüpfen. Das ist übrigens auch der Grund, warum wir so oft zu Dingen greifen, die wir nicht brauchen.
Die Werbung nutzt das sehr konsequent:
„Wiederhole Reize, verknüpfe sie mit starken Emotionen – und Du bekommst zum Kauf geneigte Kunden, selbst wenn sie das Produkt objektiv nicht brauchen.“
So gelingt es auch, uns diesen „übergangslosen“ Rhythmus aufzunötigen. Es ist entweder Sommer – oder Weihnachten. Badeanzug oder Daunenjacke. Erdbeeren oder Orangen. Als gäbe es nichts dazwischen. Der Sommer wird ausgeknipst, der Winter eingeschaltet.
Der Blick auf den Lebkuchenturm wird so zum stillen Symbol für das Tempo, das uns antreibt. Für eine Welt, die nicht wartet, bis etwas reif ist – sondern alles vorausnimmt. Eine Art vorauseilender Konsumrhythmus, der uns subtil einflüstert: Du solltest längst weiter sein. Und woran es so vielen von uns mittlerweile fehlt: einem kurzen Aufatmen in einer Welt, die sich immer schneller dreht…
🍂 Wie wir den Jahreskreislauf wieder spüren lernen
Das natürliche Gefühl für die Jahreszeiten, das Gespür für das Dazwischen, haben viele dank dieses „Trainings“ fast verloren. Das bewusste Erleben von Zwischenphasen – wie eben jetzt den Herbst.
Es ist noch warm, aber morgens steigen die ersten Nebel auf, es riecht schon „kälter“. Die Bäume sind noch voll belaubt, aber sie werden bunt. Die Äpfel werden reif, die ersten Kürbisse, Zwetschgen- und Zwiebelkuchen, die Wildkräuter treiben noch einmal neu aus nach dem Sommer, noch einmal Grillabende, einfach ein sanfter Übergang mit ganz eigener Schönheit… 🍂🍃
Unser Körper kennt die Jahreszeiten – aber sie werden überlagert. Durch Klimaanlagen, Kunstlicht, Kalenderstress, Dauerverfügbarkeit. Der innere Takt verkümmert wie ein Muskel, der nicht mehr benutzt wird. Doch er ist noch da. Und er lässt sich reaktivieren:
🌿Geh raus. Täglich, wenn möglich. Und beobachte mit allen Sinnen:
Was tut sich am Himmel? Wie riecht die Luft? Welche Vögel hörst Du?
Wie fühlt sich der Boden unter Deinen Füßen an?
🌿Statt äußerer Anlässe (Ausverkauf, die Deko in den Schaufenstern, Daten im Kalender) dürfen wieder natürliche „Markierungen“ Dein Jahr strukturieren. Zum Beispiel:
- Der erste Tag, an dem Du eine Jacke brauchst
- Saisonales Obst und Gemüse
- Die erste Kastanie in Deiner Jackentasche
- Das erste Morgenlicht, das später kommt
🌿Du darfst von der „inneren Schnellstraße“ abbiegen: immer einen Schritt voraus, immer schon beim Nächsten. Denn die Natur macht es anders. Sie lässt es langsam geschehen. Die Blätter färben sich nicht alle gleichzeitig. Auch der Rückzug braucht Zeit.
🌿Wenn Du Dich traust, dem künstlichen Rhythmus nicht zu folgen, wirst Du feststellen: Die Welt dreht sich weiter – auch wenn Du in Deinem eigenen Tempo gehst. Dein Wert hängt nicht daran, ob Du im September schon für Weihnachten „bereit“ bist.
🌱Du gibst den Takt vor
Vielleicht ist das Wichtigste in dieser Zeit:
Nicht alles mitzumachen.
Nicht automatisch mitzuziehen, nur weil draußen die Taktung steigt. Sondern innezuhalten. Zu spüren: Was ist jetzt wirklich dran – in mir?
Du darfst aus dem Strom kurz heraustreten.
Du darfst anders ticken als der Kalender.
Du darfst verweilen, während andere vorauseilen.
Nicht, um dagegen zu sein. Sondern um ganz bei Dir zu bleiben.
Und um jetzt die Kurve zu den Lebkuchen wieder zu kriegen (😉🎄):
Es geht nicht darum, nie wieder zu Lebkuchen zu greifen – denn die sind lecker – sondern darum, bewusst zu wählen, wann und warum wir es tun.
Denn zwischen Reiz (Anblick) und Reaktion (Kauf, Impuls, Emotion) liegt ein Raum. Und genau in diesem Raum liegt unsere Freiheit.
Beim nächsten Lebkuchenregal: Bleib stehen. Nimm wahr, was in Dir passiert. Welche Bilder, Gedanken, Gefühle steigen auf? Erinnerungen? Stress? Bedürfnis nach Pause?
🌿 Stelle eine einfache Frage:
„Will ich das – oder will ich das Gefühl, das ich damit verbinde?“
Manchmal hilft allein diese Frage, Klarheit zu schaffen. Wenn Du merkst, dass es um Trost oder Wärme geht – was könntest Du Dir stattdessen Gutes tun? Vielleicht eine Tasse Gewürztee mit Kardamom und Zimt, aber ohne künstliche Süße. Oder ein Gang an die frische Luft mit warmer Jacke und offenem Blick. Eine gemütliche Auszeit mit einem guten Buch. Einfach das, wonach Dir ist, wenn Du Deiner inneren Stimme aufmerksam zuhörst… 💚




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