Die Frage begegnet mir immer wieder: Darf und sollte ich jetzt noch Wildkräuter sammeln?
Auch in der kalten Jahreszeit lassen sich heimische Wildkräuter finden, wie Löwenzahn, Vogelmiere, Spitzwegerich oder Brennnesseln – je nachdem auf welcher Höhe man wohnt (bei mir auf ca. 750 Meter wird es schon ziemlich sparsam… 😉). Mildere Winter lassen die Pflanzen länger grün bleiben oder sogar neu aus treiben. So entsteht ein kleines „frisches Grün“ mitten im Winter, das dazu verlockt, sich diese Extraportion Nährstoffe zu gönnen.
Sammeln im Winter ist jetzt allerdings nicht nur eine Frage des „Könnens“, sondern auch des „Sollens“. Bei vielen Völkern war es üblich, das wilde Grün ab dem Spätherbst (beispielsweise bei den Kelten nach Samhain am 1. November), nur noch sehr reduziert zu sammeln, um der Ruhezeit der Natur Respekt zu erweisen und den Pflanzen die nötige Zeit zu geben, sich zu regenerieren und neue Kraft zu sammeln. Und so, wie die Natur sich zurückzog, pflegten auch die Menschen ein bewusstes Innehalten. Vorräte für die kalte Jahreszeit wurden im Sommer angelegt und im Winter um wenige frische Pflanzen und Früchte ergänzt, die in großen Mengen wachsen (bei uns sind das beispielsweise die Brennnesseln). Denn die Winterruhe ist kein Stillstand, sondern ein tiefer Prozess der Erneuerung – nur so kann diese wunderbare Fülle im Frühjahr entstehen.
Der Rhythmus gerät mittlerweile aber gehörig ins Wanken: Mildere Temperaturen, frühere oder spätere Austriebe, verzögerter Frost – die Jahreszeiten scheinen manchmal regelrecht zu verschwimmen. Wenn im Dezember an einer Stelle reichlich Wildkräuter wachsen, obwohl es ursprünglich nicht die „richtige“ Zeit ist, darf ich dieses Geschenk dann wirklich nicht annehmen? Vielleicht dürfen wir einfach aufmerksam in uns hineinhorchen, wann ein Moment des Nehmens ist, und wann ein Moment des Lassens.
Ein deutliches Zeichen ist für mich einfach auch oft der Geschmack: wenn ein Blatt faserig, zäh oder fade schmeckt, dann gibt die Pflanze selbst ein stilles Zeichen: „Jetzt bin ich nicht in meiner vollen Kraft – gib mir Zeit und Ruhe.“ Dann ist es einfach Zeit fürs Weitergehen, ohne zu nehmen. Ich für meinen Teil halte es so: ich gehe nicht mehr aktiv auf die Suche. Aber wenn mich ein großer Flecken Grün beinahe „anspringt“ und mich sozusagen selber „findet“ – dann freue ich mich und genieße dankbar, was ich finde… 🌿
Eine leckere Alternative
Was ich für die „wildkräuterarme“ Zeit super gerne mag, sind Microgreens (tolles neudeutsches Wort…😉) – also Pflanzensprösslinge. Sie lassen sich ganzjährig und unabhängig vom Wetter in Innenräumen ziehen. Sie sind kleine Entwicklungsstadien von Gemüse- oder Kräuterpflanzen und besitzen eine hohe Nährstoffdichte, denn die kleinen Sprösslinge tragen bereits viele der wertvollen Stoffe der erwachsenen Pflanze in konzentrierter Form in sich.
Der Aufwand ist überschaubar: Ein kleiner Platz auf der Fensterbank, Saat, flache Schale, Licht, gleichmäßig feucht halten – und bereits nach wenigen Tagen kann man schon ernten. Etliche Gemüsesorten eignen sich auch für diesen Fensterbank-Anbau: Radieschen, Brokkoli, Senf, Rotklee, Kohlrabi – und das sind nur einige. Du findest mittlerweile eine schöne Auswahl an geeignetem Saatgut – einzelne Sorten oder fertige Mischungen. Achte dabei auf hochwertige Qualität – dann steht dem leckeren, frischen Grün im Winter nichts mehr im Weg. 🌱
Alles hat seine Zeit
Abgesehen davon, dass naturgemäß draußen jetzt nicht mehr viel zu finden ist, gibt es im Jahreslauf für jede Pflanze aber auch einfach den optimalen Zeitpunkt für die Ernte. Dann hat sie die meisten Inhaltsstoffe und schmeckt am besten. Es lohnt sich so sehr, sich dann einen Vorrat davon anzulegen. Möglichkeiten zum Haltbarmachen dazu gibt es viele – einige, wie Löwenzahn-Kapern oder Oxymel habe ich Dir auch schon vorgestellt. Was ich dieses Jahr mal ausprobiere: ich habe frische Brennnesseln eingefroren – einmal trocken vakuumiert und einmal blanchiert – ich bin mal gespannt…
Was im Winter lässt sich aber unter anderem Harz gut finden – an alten Verletzungen der Bäume, wo es hart genug ist, um sich leicht lösen zu lassen. Achte dabei darauf, keine frischen Wunden zu verursachen, also geh nicht mit scharfem Werkzeug zu Werk. Nimm kein flüssiges oder noch weiches Harz aus frisch verletzten Stellen, denn da braucht der Baum es für seine eigene Heilung. Oft findest Du aber gefällte oder umgestürzte Bäume, an denen reichlich Harz ist.
An abgefallenen Zweigen oder eben am Boden liegenden Bäumen findest Du außerdem genug Nadeln (Tanne oder Fichte), um ein aromatisches Waldsalz zu mischen, Dir einen Wald-Tee aufzugießen oder einen leckeren Sirup herzustellen. Diese Zweige sind ein Geschenk – und Du greifst den lebenden Baum nicht an.
Ein Gedanke zum Schluss: ich glaube, wir schätzen am meisten, was nicht ständig verfügbar ist. Wüssten wir den Sommer zu schätzen, wenn es die Kälte des Winters nicht gäbe? Würden wir Weihnachten so lieben, wenn es jeden Monat stattfände? Oder das üppige Grün des Frühlings ohne das Grau-weiß des Winters? 😉🌿





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