Mangelware Respekt und Anerkennung
Dieser tolle Satz: „Ich habe doch gar nichts Negatives gesagt“ – kombiniert mit hochgezogenen Augenbrauen. Super. Etwas Positives aber auch nicht. Was der Sprecher damit sagen wollte, darf einem dann die Kristallkugel verraten…
Solche Aussagen sind für mich Ausdruck von Distanz, Überlegenheitsgefühl und emotionaler Hilflosigkeit. Emotionale Hilflosigkeit deshalb, weil viele glaube ich weder wissen, wie sich Wertschätzung anfühlt – noch wie sie diese selber ausdrücken sollen.
Es geht nicht um Lobhudelei. Nicht um aufgesetzte Dankesfloskeln oder Schmeichelei. Es geht um die Haltung, in der wir einander begegnen. Und um die Frage: Erkenne ich (an), was andere tun – oder nehme ich es einfach als selbstverständlich gegeben hin, oder näher hinzuschauen?
Denn genau da liegt das Problem: Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass alles läuft. Dass Dinge wie von Zauberhand funktionieren. Und wenn sie es nicht tun, sind wir plötzlich sehr schnell mit Kritik zur Hand. Da wird dann nicht gezögert. Dann sind Worte im Überfluss da.
Aber wenn es gut läuft? Wenn jemand seinen Job macht, und zwar richtig gut? Dann wird geschwiegen. „Läuft doch.“ Diese Haltung zermürbt. Still, aber wirksam. Sie lässt einen innerlich resignieren, weil Du merkst: Es sieht ja eh niemand. Und mal etwas Anerkennendes sagt schon dreimal keiner. Und irgendwann fragst Du Dich: Wozu eigentlich? Wie gesagt, es geht nicht um Lobhudelei – sondern um Wertschätzung. Darum, gesehen zu werden.
Unser aktuelles gesellschaftliches Klima macht es nicht einfacher: Leistung bedeutet nahezu alles – besonders, wenn sie messbar ist. Was zählt, sind Zahlen, Abschlüsse, Reichweiten, Umsätze. Kaum jemand fragt: Was hat dieser Mensch wirklich bewegt? Stattdessen werden Leistungen verglichen, gegeneinander ausgespielt. Und ständig hält man uns die „Erfolge“ anderer unter die Nase – als „Motivation“ getarnt, aber oft nur als subtile Abwertung.
Das spüren oft diejenigen, die mehr tun als eben nur das Nötigste. Die die Kaffeetassen wegräumen, auch wenn sie selbst keinen getrunken haben. Die vorausschauend denken und Probleme vermeiden, bevor sie entstehen. Die auch mal mit anfassen, wenn es nicht um ihre eigentliche Aufgabe geht. Die sich nicht zu fein sind, den Müll rauszubringen – auch wenn es nicht ihr Job ist. Die einfach ohne großes Aufhebens so viele „Kleinigkeiten“ am Rande miterledigen. Die nicht nur sich und den eigenen Vorteil in den Vordergrund stellen und sich einbringen, ohne sich aufzuspielen.
Die, deren Arbeit wir gerne übersehen, weil sie nicht glitzert – aber ohne die so oft Sand im Getriebe wäre und eben nichts „wie geschmiert“ laufen würde.
Wertschätzung sorgt für das, was nicht „messbar“ ist: Motivation, Verbundenheit, Engagement. Fehlt sie, gehen wir auf Dauer innerlich ein wie Pflanzen ohne Wasser. 🌱
Wer sich nicht wertgeschätzt sieht, zieht sich innerlich zurück. Tut nur noch das Nötigste. Hört auf, mitzudenken, fragt nicht mehr nach, übernimmt keine Verantwortung mehr, wenn er nicht explizit dazu aufgefordert wird. Er bleibt körperlich präsent – aber geistig und emotional ist er längst auf dem Rückzug.
Wertschätzung und Respekt sind einfach kein Bonus oder Sahnehäubchen. Und sie zu zeigen kein Luxus. Dazu kann es äußerst hilfreich sein, die Perspektive zu ändern – einen anderen Blickwinkel einzunehmen: Wie würde es sich anfühlen, wenn Du an der Kasse sitzt? Wenn Du die Anweisung hast, die Waren in Akkordgeschwindigkeit über den Scanner zu ziehen, damit die „Abfertigungsvorgabe“ eingehalten wird – obwohl Du gerne etwas langsamer machen würdest, damit Dein Gegenüber die Chance hat mitzukommen.
Wenn Kunden, gerne auch mit Handy am Ohr, schlichtweg durch Dich hindurchsehen, als seist Du nur Teil der Kulisse – wie das Kassenband und der Einkaufswagen. Wenn die Leute ihren Ärger an Dir auslassen, als seist Du schuld daran – und Du weiter lächelst, weil der Kunde eben immer Recht hat. Und das ist nur ein Beispiel.
Eines ist mir in diesem Zusammenhang noch sehr wichtig: Niemand ist gleichzusetzen mit seiner Aufgabe. Ich finde es einfach arrogant, von der Arbeit auf den Menschen zu schließen. Denn kein Job ist minderwertig, nur weil er keine akademische Ausbildung verlangt. Dass jemand körperliche Arbeit verrichtet, sagt nichts über seine geistigen Fähigkeiten aus. Akademische Bildung nichts über die emotionale Intelligenz ihres Trägers – denn: beurteile niemals ein Buch nach seinem Einband.
Ich denke, es wäre wirklich spannend zu sehen was passiert, wenn all diejenigen, die leisten ohne gesehen zu werden, das einmal unterlassen würden. Sich angleichen und nur noch „Dienst nach Vorschrift“ machen…
Ein „Dankeschön“ oder einen schönen Tag zu wünschen tut noch nicht mal weh – aber für den Empfänger kann das einen Riesenunterschied machen. Leider scheinen manchmal Neid, Missgunst und das „Haben-wollen“ fast übermächtig geworden zu sein. Eine Geschichte, die sich letztes Jahr vor Weihnachten bei uns in der Region zugetragen hat, hat mich so richtig betroffen gemacht: Eine Dame hatte am Tag der Müllabfuhr auf dem bereitgestellten Mülleimer eine Aufmerksamkeit für die Männer von der Müllabfuhr hinterlassen – und bevor die Müllabfuhr kam, war dieses Dankeschön von Unbekannten geklaut worden… ☹️
Es wird Zeit damit aufzuhören, immer nur zu nehmen und alles für selbstverständlich zu halten. Als naturgemäß gegeben. Denn das ist es nicht.
Jeder von uns trägt die Verantwortung für das Klima, das wir im Miteinander schaffen.
Für das, was wir wahrnehmen – und was wir schweigend durchgehen lassen.
Manchmal reichen wenige Worte, um den Unterschied zu machen und zu signalisieren: „Ich sehe Dich.“ 🪴
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Wertschätzung ist kein Bonus, sondern die Grundlage für echtes Miteinander. Dieser Artikel zeigt, wie Respekt und Anerkennung im Alltag oft verloren gehen – und warum ein einfaches „Danke“ mehr bedeutet, als wir denken. Eine Einladung, wieder hinzusehen und das Selbstverständliche nicht als solches abzutun.




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