Warum wirkt es auf manche Männer (und leider auch manche Frauen) eigentlich so irritierend, wenn eine Frau sich souverän durch Canva, ChatGPT und Excel klickt, weiß was Spax und Torx sind, Akkuschrauber und Handkreissäge im Griff hat – und im nächsten Satz erwähnt, dass sie am Wochenende Hagebutten für Marmelade sammelt, Kräuter-Tinkturen ansetzt und Tomatensoße einkocht?
Die Antwort liegt nicht in der Tätigkeit selbst. Sondern in dem Bild, das andere sich daraus zusammenreimen.
Mir selbst begegnet das so unfassbar oft: Ich bespreche mit Kollegen Arbeitsabläufe, wir gehen Lieferscheine und Rechnungen durch. Es geht um die Einsatzmöglichkeiten von KI, Custom GPTs und Co. – sachlich fundiert, auf Augenhöhe.
Irgendwann kommt das Gespräch auf das Wetter. Ich erwähne beiläufig, dass es der perfekte Zeitpunkt ist, um am Wochenende zum Beispiel Hagebutten für Marmelade oder Wildkräuter für die Hausapotheke zu sammeln – je nach Jahreszeit eben.
Und schon herrscht Stille. Ich blicke in milde-spöttisch lächelnde Gesichter – die Kollegen tauschen wissende Blicke. Wie auf Knopfdruck werde ich nicht mehr als ebenbürtig wahrgenommen. Der unausgesprochene Subtext hängt deutlich hörbar im Raum: „Du wärst wohl auch lieber nur Hausfrau, wie? Die Männerwelt ist wohl doch eher nichts für Dich.“
Ganz ehrlich? Ich schwanke dann zwischen einem fassungslosen: „Wie bitte?!“ und „Gute Besserung, Jungs!“
Was ist es, das da so provoziert? Warum wird das Selbermachen – das Erdige, Verwurzelte, Praktische, Bewahrende – so geringschätzig bewertet? Wie eine zweitrangige Beschäftigung für Leute, bei denen es „nicht zu mehr reicht?“
Vielleicht, weil Technik und Intellekt in unserer Gesellschaft immer noch als männlich konnotiert gelten – und alles, was nach Handarbeit, Herd und Tradition klingt, schnell in die Nähe von weiblichen Tätigkeiten gerückt wird. Der Gleichberechtigung zum Trotz.
Das alte Rollenbild hat sich nie wirklich verabschiedet – es erlebt eine Renaissance. Neu geschminkt, mit zeitgemäßer Sprache, aber im Kern: immer noch die gleiche leise Erwartung, dass Frauen sich bescheiden, einfügen, dienen. Die zweite Geige spielen. Und wehe, sie tun es nicht freiwillig…
Dabei verkennen genau diese Bilder, wie viel Selbstermächtigung, Planungskompetenz und auch Weitsicht im Selbermachen steckt.
Nur weil eine Tätigkeit nicht mit Laptop, Laserpointer oder LinkedIn-Post daherkommt, heißt das nicht, dass sie weniger anspruchsvoll ist. Dass sie nicht ein großes Wissen erfordert und auch eine Menge Fingerspitzengefühl und Urteilsvermögen.
Denn weder lässt sich eine Excel-Tabelle ohne Sachkenntnis formatieren, noch ein Lebensmittel für einen langen Zeitraum haltbar machen. 😉🌱
Tradition und Fortschritt sind keine Gegensätze
Genauso wenig wie Führen und Folgen. Digital und analog. Logik und Intuition. Erste und zweite Geige.
Sie sind kein Entweder – Oder. Sie sind gleichwertige Hälften eines Ganzen. Keines würde ohne das jeweils andere existieren.
Und genau darin liegt der Schlüssel: nicht ausschließen, sondern anerkennen.
Im Verstehen, dass Neues nicht gegen das Alte gewinnt – sondern aus ihm hervorgeht.
Dass Weitergehen oft bedeutet, den eigenen Ursprung nicht zu verleugnen, sondern ihn neu zu würdigen.
Fortschritt bedeutet nicht zwangsläufig, etwas völlig Neues zu erschaffen.
Manchmal bedeutet Fortschritt, bewusst zurückzuschauen – auf das, was sich bewährt hat.
Eine Technik, die heute als „altmodisch“ belächelt wird – wie das Einkochen, das Fermentieren, das Nähen, das Heilen mit Pflanzen – kann morgen Teil einer zukunftsfähigen Lebensweise sein. Nicht aus sentimentaler Verklärung, sondern weil sie Ressourcen schont, Kreisläufe achtet, Unabhängigkeit fördert.
Und auch Traditionen selbst sind nicht statisch. Sie entwickeln sich. Neue Elemente finden ihren Platz. Nicht wegzudenkendes Beispiel: das Telefon (und dass sich das bewährt hat, wird wohl keiner bestreiten). Von Alexander Graham Bells erstem „Telephon“ aus dem Jahr 1876, das aus einem Mikrofon, einem Lautsprecher und einer Drahtverbindung in ein anderes Zimmer bestand – bis zum iPhone 16 mit bis zu 1 TB Speicher und High-Tech-Kamera.
Wenn ich heute Hagebutten sammle und verarbeite, dann nicht, weil ich mich zurücksehne nach alten Zeiten oder einer alten Rolle – sondern weil ich neu entscheide, was mir wichtig ist: Selbstversorgung, Qualität, Naturverbindung, Eigenverantwortung, Kreativität.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Fortschritt:
Dass wir nicht nur lernen, mit KI zu arbeiten – sondern auch ohne Technik, mit einem Holzlöffel. Denn wenn die Technik ausfällt (und dazu reicht ein Stromausfall), bleiben uns noch unser Kopf und unsere Hände, um das tägliche Leben zu meisten. Das haben unzählige Generationen vor uns getan – und keiner kann voraussagen, ob wir nicht vielleicht ziemlich abrupt wieder darauf angewiesen sein werden.
Selbermachen ist kein nostalgischer Rückfall in alte Muster – es ist ein Statement.
Gegen Abhängigkeit von industriellen Prozessen, Fremdbestimmung.
Eine bewusste Entscheidung für Handlungsfähigkeit, Kreativität und Qualität. Und das Gefühl von etwas „Greifbarem“ in einer zunehmend virtuellen Welt.
Wenn wir einkochen, anpflanzen, mit den Händen arbeiten, dann verbinden wir uns mit dem Stoff des Lebens. Mit dem Zyklus der Natur. Mit unserem eigenen Sein.
Das ist nicht „zurück an den Herd“ – das ist „zurück zur Wurzel“.
Und das darf auch gerne mit moderner Technik Hand in Hand gehen.
Ja – Männer dürfen da noch dazulernen.
Wir Frauen wissen, dass es nicht leicht ist, den eigenen Platz zu finden in einer Welt, in der das alte Rollenbild bröckelt.
Wir sehen, dass auch Ihr unter Erwartungsdruck steht – stark sein, erfolgreich, entscheidungsfreudig, souverän, emotional kompetent, aber bitte nicht zu weich. Das ist ein Drahtseilakt.
Aber: Sich in verstaubte Rollenbilder zurückzuziehen, wird nicht helfen.
Die Welt braucht Männer, die sich trauen zu fragen: Was bedeutet Stärke heute? Was bedeutet Nähe, Verantwortung, Augenhöhe? Die bereit sind, sich und ihre Rolle neu zu definieren. Dabei geht es auch gar nicht um Perfektion auf Knopfdruck. Aber wir Frauen wünschen uns Bewegung. Wir wünschen uns Männer als Mitreisende auf neuen Wegen. Auf Augenhöhe – ohne „Erlaubnis“ oder „Abnicken“ unseres Tuns von den „Herren der Schöpfung“…
Und liebe Frauen: auch wir dürfen etwas Geduld und Verständnis aufbringen. Den Dialog suchen, statt nur zu verurteilen und zu fordern. Und aufhören, uns in Rollen zwängen zu lassen. Denn es gehören immer zwei dazu: einer der in eine Schublade steckt – und einen, der das mit sich machen lässt…😉🌱
Was wir brauchen, ist kein Wettlauf der Geschlechter – sondern eine gemeinsame Bewegung nach vorne. 🌿
Ich wünsche mir, dass wir einander wieder mit mehr Neugier und Offenheit begegnen. Dass Frauen nicht abgewertet werden, wenn sie Dinge tun, die früher als „weiblich“ galten – und Männer sich trauen, neue Wege zu gehen, ohne sich schwach zu fühlen. Ich wünsche mir Gespräche statt Schubladen. Respekt statt Sich-überlegen-Fühlens.
Einfach ehrliche Augenhöhe. 💚





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