Für mich war die Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig schon als Kind eine besondere Zeit. Irgendwie fühlte es sich anderes an als der Rest des Jahres. Die Uhren schienen anderes zu gehen, eine besondere Stimmung breitete sich aus – so wie ein bisschen „aus der Zeit gerückt“. Meine Eltern – und das kennt man auch bis heute – nannten die Zeit „zwischen den Jahren“. Der Begriff hat einen realen Ursprung: Er beschreibt die Differenz zwischen dem Sonnenjahr (die Zeit, die die Erde braucht um einmal die Sonne zu umkreisen) – und dem Mondjahr (die Zeit, die der Mond braucht, um zwölf volle Phasen von Neumond zu Neumond zu durchlaufen). Das Sonnenjahr hat 365 Tage, das Mondjahr 354. Diese zwölf Tage und Nächte Unterschied sind eben die Raunächte.
Die Raunächte sind eine Zeit des Übergangs, der Schwebe – vom Dunkel ins Licht, vom alten Jahr ins neue. Ein bisschen so, als würden die Karten neu gemischt. Morgen am 21. Dezember ist die Wintersonnenwende, der kürzeste Tag und die längste Nacht des Jahres. Ab jetzt werden die Tage wieder länger, und in wenigen Wochen wird das auch draußen in der Natur deutlich sichtbar sein (achte gegen Ende Januar abends einmal darauf, dass es schon wesentlich länger hell ist…)

Seit jeher haben Menschen in der dunkelsten Zeit des Jahres Licht entzündet – als Schutz, als Hoffnung und als Zeichen dafür, dass die Dunkelheit nicht das letzte Wort hat. Bis heute begegnet uns das in der Adventsbeleuchtung, die – wenn sie nicht fast einer Stadionbeleuchtung Konkurrenz macht – warm leuchtet. Das Alte des vergangenen Jahres dürfen wir jetzt hinter uns lassen und den Blick nach vorne richten. So wie das Licht immer zuverlässig wiederkehrt, werden im neuen Jahr neue Chancen und Möglichkeiten auf uns warten.
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Natürlich hätte ich das damals nicht so in Worte fassen können und auch der Begriff „Raunächte“ und ihre Bedeutung sind mir tatsächlich erst vor einigen Jahren zum ersten Mal begegnet – aber seitdem weiß ich, dass ich mich als Kind nicht getäuscht habe…. 😉✨
Die Raunächte laden dazu ein, sich daran zu erinnern, dass das Leben einem zyklischen Rhythmus folgt, dass es ein Kreislauf mit Auf und Ab ist – und keine endlose Einbahnstraße aus mehr, schneller, besser. Sie sind eine Einladung, Altes noch einmal Revue passieren zu lassen und loszulassen, was gehen darf. Und sie sind eine Einladung, den Blick nach vorne zu richten. Sich Gedanken darüber zu machen, wo die Reise hingehen, was in unserem Leben an Neuem Platz finden darf.
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Es existieren so einige überlieferte Bräuche und Erzählungen aus verschiedenen Kulturen rund um diese Zeit, die ganz unterschiedlich aussehen. Viele davon werden auch bis heute noch gepflegt. Manche sehen feste Rituale für jeden Tag vor, andere beziehen sich eher auf den gesamten Zeitraum der Raunächte. Ein paar davon habe ich Dir mal mitgebracht. ✨

Altes Loslassen: Es geht darum, das alte Jahr symbolisch loszulassen. Dazu schreibst Du alles, was im alten Jahr zurückbleiben soll auf Zettel – sei es eine negative Erfahrung, eine unerfüllte Erwartung, eine Enttäuschung, ein Gefühl von Angst oder Trauer, oder auch alte Gewohnheiten und Gedankenmuster. Diese Zettel werden dann verbrannt. Das Verbrennen symbolisiert das Loslassen und die Auflösung (oft liest man auch den Begriff Transformation) dieser Lasten. Der Rauch, der aufsteigt, wird als eine Art Übergabe an das Universum oder an die geistige Welt verstanden, die den Ballast in etwas Positives umwandelt.
Die Raunächte bieten auch eine wundervolle Gelegenheit, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, zur Ruhe zu kommen und über das vergangene Jahr nachzudenken. In stillen Momenten kannst Du Dich bewusst von Erlebnissen, Umständen oder auch Beziehungen verabschieden, die Dir nicht mehr gut tun. Dir dabei auch bildlich vorzustellen, wie Du Altes loslässt, kann sehr befreiend sein. Du kannst Dich dabei auf Deinen Atem konzentrieren und bei jedem Ausatmen symbolisch alles loslassen, was nicht mehr gebraucht wird.
Orakeln: In den Raunächten werden Orakel befragt, um einen Blick auf das kommende Jahr zu werfen. Jede Raunacht steht für einen Monat im kommenden Jahr. Zum Beispiel soll die erste Raunacht zeigen, was den Januar bestimmen wird, die zweite den Februar und so weiter. Orakeln kann dabei völlig unterschiedlich aussehen. Etwa das Ziehen von Karten die anschließend gedeutet werden, das Verteilen von Räuchersand (dabei interpretiert man die Formen, die sich dadurch ergeben) oder das Deuten von seinen Träumen. Und von Bleigießen an Silvester hast Du bestimmt auch schon gehört – das ist im Grunde auch nichts anderes…
Räuchern: Das Räuchern mit Kräutern wie Salbei, Beifuß, Wacholder oder Weihrauch ist ein sehr alter Brauch. Es vertreibt negative Energien, reinigt das Haus und schafft eine positive Umgebung für das kommende Jahr. Dabei gehst Du mit einer Räucherschale oder einem Kräuterbündel durch die Räume und sprichst dabei aus, was Du loslassen möchtest und was im neuen Jahr in die Räume einziehen darf.
Die Wilde Jagd: Die Wilde Jagd ist eine alte europäische Vorstellung aus der Zeit, als Menschen Natur, Jahreszeiten und innere Zustände noch enger miteinander verknüpften. Man erzählte sich von einem geisterhaften Zug, der in den dunklen Nächten des Jahres durch Himmel und Landschaft zieht – begleitet von Sturm, Lärm und Unruhe. In diesem Zug ritten Jäger, Hunde, Pferde, manchmal auch die Seelen der Verstorbenen oder andere Gestalten aus der Zwischenwelt, angeführt von Wotan, Frau Holle oder einem namenloser Jäger oder einer namenlosen Jägerin.
Diese mystische Erzählung steht symbolisch für innere Unordnung, für Gedanken, die in Bewegung geraten, und für das Gefühl, dass etwas Altes endet, während das Neue noch nicht ganz greifbar ist. Für Wahrnehmungen und Ängste, die man mit dem Verstand nicht erklären kann. Als ein Zeichen dafür, dass Wandel im Gange ist. Zur Sicherheit verriegelte man die Türen oder brachte Schutzzeichen am Haus an.
Und wer kann schon ganz sicher sein, wenn in dieser Zeit ein Sturm übers Land zieht, dass das nur der Wind ist….
Ein Dank an die Naturkräfte: Die Raunächte sind oft auch mit einem tiefen Bewusstsein für den Zyklus und die Kraft der Natur verbunden. Also wird in vielen Gegenden den Naturelementen und Naturgeistern Respekt erwiesen. Man stellt ein kleines Tellerchen vom Festtagsessen nach draußen, zündet draußen ein Räucherbündel an oder richtet bei einem Winterspaziergang ein paar Worte des Dankes an Mutter Erde für all das Wunderbare, das sie uns schenkt…

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Was ich ganz wichtig finde: gestalte die Raunächte so, wie es sich für Dich gut und richtig anfühlt. Denn es gibt keinen festgelegten Ablauf oder allgemeingültige Vorschriften. Es ist eine Zeit, in der die Ordnung ihren festen Rahmen lockert und „Zwischen-Dinge“ sichtbar werden. Und wir können selbst bestimmen wie wir diese Schwelle, an der sich das Vergangene und das Kommende berühren, überschreiten wollen.
Denn wir haben die Freiheit, etwas in unserem Leben zu verändern.
Jeden einzelnen Tag. Jeden einzelnen Moment. JETZT. 🌿✨





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